Text/Philosophy (German)

>AUSZÜGE AUS DER ERÖFFNUNGSREDE
VON MONIKA BUGS

Eva Albert zeichnet ein erstaunliches Bild von New York. Ihre Bilder zeigen uns ein anderes Bild dieser Großstadt, als es sich gemeinhin, gerade auch in den Werken amerikanischer Künstler präsentiert.
Es ist der fremde Blick, mit dem sie die großstädtische Welt betrachtet. Es ist aber auch der weibliche Blick, mit dem sie sich der Wirklichkeit dieser Stadt, vielleicht ihrer verborgenen Wirklichkeit annähert, behutsam, nicht entblößend und doch eindringlich das Wesen von Stadt und ihren Menschen hinter der Fassade oberflächlicher Betrachtung aufdeckend. Es ist der höchst aufmerksame aufnehmende Blick einer Frau.
Eva Albert dringt tief in das Wesen der Stadt ein. Ohne sich von üblichen ‘Signalen’ gefangen nehmen zu lassen. Sie fokussiert ihren Blick.
Eva Albert konzentriert ihren Blickwinkel auf Ausschnitte, Fragmente der Wirklichkeit. Bruchstücke. Sie zeigt uns – erstaunlich genug – die Leere, die es auch in New York gibt. Ihre Bilder wirken still. Sie zeigt uns Zonen der Ruhe. Weit weg von dem lärmenden Treiben einer Großstadt.
Es ist ein ‘Stück Raum’, ein Stück Straße, ein Stück Hauswand, ein Stück Auto, ein Stück Laterne, ein Stück Baum, die für die Großstadt stehen. Der Himmel bleibt unsichtbar. Der immaterielle Raum wird schier zur Materie. Man empfindet eine gewisse Schwere in der auf den ersten Blick gedämpften Farbigkeit. Eine Tristesse.
Man möchte fast auch (um in dieser Terminologie zu bleiben) von einem ‘Stück Mensch’ sprechen. Den sie zumeist ‘kopflos’ zeigt. Manchmal nur die Beine, bisweilen auch den Oberkörper, wenn sie einer Geste Ausdruck geben will. Es ist der Blick auf Zonen eines Menschen, einer Stadt, die zumeist unbeachtet blieben.
Kritisch betrachtet sie den Menschen der Großstadt, setzt ihn isoliert ins Bild, zeichnet den Menschen allein, isoliert, anonym. Unnahbar. Als sei die Distanz, die er um sich baut, Schutz in seiner Einsamkeit. In seinem Verloren-Sein. Gesichter wirken merkwürdig starr. Fast entmenschlicht erscheinen sie. Und doch erkennen wir ihre Einzigartigkeit.
Als Gefährte scheinen dem Großstadtmenschen nicht selten Hunde zu dienen.
Die Künstlerin nimmt kleinste Nuancen wahr. Im Gang, der Schritthaltung oder Geste eines Menschen in einem relativ kleinen Raum, worin sich seine ganze Individualität offenbart. Im Mikrokosmos ist der gesamte Makrokosmos enthalten. Eines Menschen oder einer städtischen Situation. Einem noch so unbedeutenden Moment verleiht sie Bedeutung, eine malerische Bedeutung.
Flüchtige Momente, an denen eine ganze Geschichte hängt. Nicht selten unaufregend. Menschen, die innezuhalten scheinen inmitten einer Bewegung, Aktion. Ein Mann, der die Hundeleine hochhält. Eine Geste des Erstaunens einer Frau am Abend. Ein Mann, der ein Taxi gerufen hat, und nun einsteigen will; was hat er zuvor erlebt, was liegt vor ihm? Alltägliches.
Ihre Eindrücke, nicht nur Gesehenes der äußeren Realität, sondern auch Erfahrenes, Erfühltes interpretiert, pointiert die Künstlerin in einer bestimmten Farbigkeit und Lichtführung, die sie der realen Situation nicht selten entgegensetzt.
Licht und Schatten sind wesentliche ‘Akteure’ der Bildaussage / des Bildausdrucks. Eine Werkgruppe der Künstlerin nannte sie SchattenRisse. Daraus haben sich die aktuellen Bilder entwickelt.
Der Schatten hat eine große Bedeutung. Farbig erscheint er als Materie. Die Schatten einiger menschlicher Bildfiguren sind eng mit der dargestellten Person verknüpft, als hinge seine Existenz davon ab, als gäbe der Schatten ihr erst Halt.
Es lohnt sich die Malerei anzuschauen. Den Bildausschnitt. Die Komposition. Die Farben. Die Schatten. Die pyramidale Anordnung einer Frau mit ihren Hunden. Ausgang nach dem Regen. Den Faltenwurf des banalen weißen T-Shirts des Amerikaners mit Hund im Bild “Vorfreude” (vgl. Einladung). Ein Weiß ist nicht einfach ein Weiß. Ein Gelb nicht einfach ein Gelb. In der gedämpften graudurchdrungenen Farbigkeit enthüllt sich ein ganzes Farbenfeuerwerk.
Scheinbar flüchtige Momentaufnahmen verdichten sich zu in sich ruhenden Bildern. Man spürt Dichte, Vielschichtigkeit, die Achtsamkeit, mit der sie gemalt sind. Das mag im Procedere der Künstlerin begründet sein. Der Weg eines Bildes beginnt mit einer Wahrnehmung, die die Malerin fotografisch festhält. Wobei sie Bildausschnitt und Motiv auswählt. Oder sie durchsucht ihren Fundus an Fotografien nach einer Idee, die sie malerisch umsetzen will.
Zwischen Idee und vollendetem Bild liegt ein deutlicher zeitlicher Abstand. Auch der Malprozeß eines Bildes hat eine beträchtliche Dauer. Es ist, als ob die Künstlerin Momente verlangsamte, Zeit dehnte.